Tandava Newsletter Mai 2020
oder:

"Raum und Bewusstsein"

 

Das letzte Tattva der 5 Grund-Elemente ist der Raum.

Es ist dasjenige Grundelement bzw. Tattva, welches vom Verstand vielleicht am wenigsten verstanden werden kann.
Erde, Wasser, Feuer und Wind sind noch sehr anschaulich und haben eine große Resonanz mit unserer Vorstellungswelt.

Raum ist das Element, welches alle anderen enthält.
Er ist der Ursprung der anderen Elemente und diese gehen auch wieder in den Raum ein, wenn sie vergehen.

In tibetischen Mandalas wird der Raum in die Mitte gesetzt, die anderen Elemente sind außen gruppiert.

    

Die anderen Elemente brauchen den Raum:
Feuer kann sich nicht ausbreiten ohne Raum, Wind braucht Raum für die Dynamik,
fließendes Wasser braucht den Raum zur Entfaltung, Erde nimmt Raum ein.

In unserer Gefühlswelt können wir manchmal nachvollziehen, was ein Mangel an Raum bedeutet.
Der drückt sich aus als ein Mangel von Entfaltung oder Freiheit. Eine Art von Enge.
Wir sehen das manchmal in unseren Beziehungen, oder jetzt mit den Wirkungen der restriktiven
Corona-Beschränkungen im "Lockdown" auf unsere Psyche ....

Im kashmirischen Shivaismus ist der Raum nicht etwa leer :

Er ist äußerst vibrierend, enthält alle Möglichkeiten ist der Platz des Bewusstseins.
Er ist überall und jederzeit da, kann aber nicht lokalisiert werden.
Er lässt sich nicht beschreiben, weil jeder Begriff ihn einengen würde.
Der Verstand hat Angst vor dem Raum und der Grenzenlosigkeit, weil er ihn nicht begreift.
Der Körper hingegen ist räumlich und be-greift den Raum intuitiv, er kann ihn erfahren.

Lao Tse schrieb diese Verse vor ca. 2500 Jahren :

"Der Reifen eines Rades wird gehalten von den Speichen,
aber der Raum zwischen ihnen ist das Sinnvolle beim Gebrauch.
Aus nassem Ton formt man Gefäße,
aber der Raum in ihnen ermöglicht das Füllen der Krüge.
Aus Holz zimmert man Türen und Fenster,
aber der Raum in ihnen macht das Haus bewohnbar.
So ist das Sichtbare zwar von Nutzen,
doch das Wesentliche bleibt unsichtbar."

Die passende Visualisierung des Raums haben die Yoginis des kashmirischen Tantrismus so überliefert:

RAUM

Der Yogi beginnt, seinen Körper als nachtblau zu visualisieren, der sich allmählich aufhellt, bis er zum Raum wird.
Der Yogi erfährt die Räumlichkeit.
Schlangengift kann ihm nichts mehr anhaben.
Er wird von der Krankheit befreit.
Er wird zum Raum und kann durch die Elemente schlüpfen.
Er wird unsichtbar und sieht die Erde als durchlöchert.
Er kann in einer felsigen, dunklen Höhle zur Leere werden.
Er visualisiert den Raum auf der Höhe der Stirn.
Er betrachtet sich als den von der Mondfinsternis verschlungenen Mond und wird Shiva, der Herr der Mantras.
 

Anmerkungen:

Tattva ist ein Sanskrit Wort in der Bedeutung von “Dasheit“, Prinzip, Wirklichkeit oder Wahrheit.

Der Shivaismus zählt 36 Daseinsfaktoren auf.
Die 5 groben Daseinsfaktoren (Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum) werden als Grundelemente bezeichnet.
Um das Tattva "Raum" besser verstehen zu können, gibt es nachfolgend die Entsprechung des Grundelements in den anderen übergeordneten Ebenen:

Schleier / Verhüllungen / Schalen
Die Begrenzung der Allgegenwart, der Freiheit der schöpferischen Kraft und des schöpferischen Ausdrucks, erzeugt den Stoff des Raums und das energetische Gewebe der Kausalität

Sinnesorgan
Ohren, Hörsinn

Werkzeug der Handlung
Sprechen (Mund)

Subtiles Element
Energie der Vibration (Klang)

Grobes Element
Raum